Zellen im Club

Gemeinsamer Theaterbesuch von MHH-Studierenden

Verstehen. Wie zentral der Vortrag über das Verstehen zu Beginn der Inszenierung von »Es war einmal… das Leben« von Lukasz Twarkowski für das Verständnis des Stücks sein sollte, wurde dem Zuschauer doch sehr schnell deutlich. Gibt es hier etwas zu verstehen? Warum peitschen Techno-Beats in voller Lautstärke durch das Schauspielhaus? Für Viele waren die 4 Stunden Techno, Monologe, eine Talkshow und parallel angeordnete Handlungsstränge und Ebenen dann doch zu viel, sodass das Publikum nach der Pause die Hälfte seiner Mitglieder einbüßen musste. 

Diejenigen, die blieben, konnten jedoch verstehen. Was in der ersten Hälfte noch allzu sehr abstrakt, geradezu überfordernd war, entwirrte sich. Dreh- und Angelpunkt, des an eine Zeichentrickserie angelehnten Theaterstücks, sind schnell erzählt: Ein Autounfall befördert einen Mann ins Koma. Die Diagnose in der Klinik geht jedoch darüber hinaus, ein Gehirntumor wird entdeckt. Der Sohn des Mannes möchte seinen Vater mittels gentechnisch modifizierter weißer Blutkörperchen heilen. So weit, so einfach. Doch bis diese Zusammenhänge aus dem Nebel auftauchen, braucht es bis in die zweite Hälfte des Stückes.

Angelehnt an die Zeichentrickserie werden komplexe Sachverhalte einfach dargestellt. In der Talkshow wird die Ethik-Debatte um CRISPR/Cas9 und dessen Anwendung für die Modifikation von Embryonen dargelegt. Auch der Krebs soll mit ebenjener Methode geheilt werden, um »eternity« zu erreichen, das zentrale Codewort der zweiten Hälfte.

Womit wir auch schon in die Tiefen des Körpers eintauchen, die parallele Handlungsebene: Eine Zelle im Technorausch entdeckt das ewige Leben. Mit verwackelten, schnellen Live-Kamerabildern verfolgen wir, wie die Zelle ihre neue Freiheit im Club auslebt (wirklich gute elektronische Musik, in der letzten Reihe tanzte dann doch tatsächlich jemand zu dröhnenden 120 bpm). Es bilden sich pulsierende Zellhaufen, der Krebs artet aus. 

Was hängen bleibt sind unglaubwürdige Szenen wie der Monolog „Sohn spricht zu Vater am Krankenbett“ oder das schier endlose Abwarten, dass in diesem Laborbunker endlich etwas passiert. Solche Szenen dehnen das Stück schlussendlich auf vier Stunden. Unnötig ist die ständige Einräucherung des Publikums, sei es durch die Nebelmaschine oder das ubiquitäre Rauchen der Protagonisten. Da fällt das Atmen doch schwer, vor allem als Nichtraucher. Für mich einfach nicht mehr zeitgemäß. 

Summa summarum ein durchwachsener Abend. Das Stück ist langatmig, die mediale Dauerbeschallung muss man erst einmal verkraften. Lässt man dieses Technofestival dann doch einmal auf sich wirken, schaltet sein Gehirn auf Durchzug und konzentriert sich auf das pure Erleben, ist besonders die zweite Hälfte wirklich sehenswert. Ein Stück, das polarisiert. 

/jr