Reaktion auf die 1. außerordentliche StuPa Sitzung der laufenden Legislatur.

Betrifft: die StuPoliH und den Umgang mit Kritik

(Hochschul-)Politik verläuft immer in Wellen, d.h. Phasen geballter Aktivität wechseln sich mit solchen gefühlter Flaute ab.

Zu Beginn des Tertials schwammen wir mit den Einschreibungen, der Ersti-Woche, der ersten außerordentlichen Sitzung des StuPa und natürlich der ersten studentischen Vollversammlung seit langem auf einer tsunamihohen Welle, in dessen Brandung das IV. KritMed-Vernetzungstreffen viel. Es wurden viele E-Mails ausgetauscht, noch mehr Eindrücke gewonnen – darunter viele positive aber auch einige Enttäuschungen – und wichtige Beschlüsse gefasst. Diese Eindrücke zu verarbeiten und sich neu zu orientieren hat Zeit in Anspruch genommen.

Nun wollen wir uns aus dem Wellental erheben. Der AStA ist nach der 8. und 9. Sitzung bereits zur Routine zurückgekehrt und auch das StuPa sieht mit dem bevorstehenden Beschluss der Haushaltsanträge, am kommenden Donnerstag, dem Tagesgeschäft entgegen.

Worum geht‘s?

Genug des Vorgeplänkels. Während der ersten außerordentlichen Sitzung des StuPa haben wir uns mit der geplanten Studentischen Poliklinik Hannover (StuPoliH) auseinandergesetzt. Seit Donnerstag, 14. November, liegt auch das Protokoll der Sitzung (https://elearning.mh-hannover.de/ilias.phz ref_id=45358&cmd=render&cmdClass=ilrepositorygui&cmdNode=10i&baseClass=ilRepositoryG UI) vor. Was zuvor geschah und auf welcher Grundlage diskutiert wird, könnt ihr in meiner Mail vom 24. Oktober 2019, bzw. in der ausschnittsweisen Kopie derer, am Ende des Textes nachlesen.

Während das StuPa als Gremium auf Prof. Justs Ausführungen hin nur allzu bereitwillig seine kritische Haltung aufgab und sich, meiner Wahrnehmung nach, auch von der der Position des Dekans innewohnenden und deutlich zur Schau gestellten Autorität, einschüchtern ließ, bleiben weiterhin Fragen offen und wurden neue Fragen aufgeworfen.

  • das Ziel der StuPoliH
  • die Frage nach dem Umgang mit Kritik und Fehlern
  • der Kommunikation
  • dem Wert studentischer Beteiligung.

Das Ziel der StuPoliH

Eine zentrale Forderung unserer Stellungnahme ist es, den Aspekt Lehre von der notwendigen, richtigen und wünschenswerten Versorgung von Menschen mit eingeschränkte(ere)m Zugang zum Gesundheitswesen zu trennen. Es muss ausgeschlossen werden, dass eventuell über das etablierte Gesundheitswesen hinaus zu schaffende oder geschaffene Versorgungseinrichtungen auch zum Zweck der Lehre eingerichtet bzw. aufrechterhalten werden.

Eine Stupistin hielt nach der Sitzung fest, „Er [Prof. Just] betonte, dass er als Dekan vor allem an der Lehre interessiert sei und er das Projekt unterstütze, weil die MHH viele Studierende aus guten Elternhäusern habe, denen nicht bewusst sei, dass es Menschen gibt, die sich keine medizinische Versorgung leisten können.“

Bezogen auf ein Wahlfach, welches die Problematik in den Vordergrund stellt, ist diese Unterstützung erklärlich, wobei die Fragen zu stellen sind, in wieweit diese privilegierteren Menschen durch ein Wahlfach adressiert werden können und ob die Thematik es nicht wert ist, fest in das Curriculum integriert zu werden.

Umgang mit Kritik

Bereits im Vorfeld der Sitzung zeigte sich Prof. Just über „das Statement der kritischen Mediziner [sic! – gemeint ist das MediNetz] […] verärgert“ und wertete es als „verfälschende Darstellung“ ab. Während unser Dekan auf die vorgetragene Stellungnahme initial mit Verwunderung reagierte und erklärte dass das Land und nicht er Adressat unserer Kritik sein sollte – worin eine implizite Anerkennung der vorgebracht Kritik liegt1 – setzte er im weiteren Verlauf auf weitere Abwertung: Wir hätten uns einzelne Phrasen herausgepickt und hätten daraus eine negative Darstellung geformt. Die ausdrückliche formulierte Anerkennung, des Engagements für Menschen mit eingeschränkt(er)em Zugang zum Gesundheitswesen wurde scheinbar nicht zur Kenntnis genommen bzw. mit dem Hinweis , dass vor der Angst ein fehlerhaftes System zu stützen nichts zu tun amoralisch sei, abgewiesen. Dieses Dilemmas bin ich mir, und sind sich sicher auch die anderen Mitzeichnenden der Stellungnahme bewusst. Der Umkehrschluss etwas zu tun sei immer richtig(er) ist meiner Meinung nach aber ebenso nicht korrekt. Das Ziel unserer Kritik ist nicht die grundsätzliche Verhinderung einer StuPoliH (vgl. Stellungnahme, Absatz 5), sondern nur einer in einer unserer Meinung nach schädlichen Form.

Wir nehmen positiv zur Kenntnis, dass

  • sich die Patientinnen und Patienten zwischen der Behandlung in Anwesenheit von bzw. durch Studierende und „regulärer“ ärztlicher Behandlung entscheiden können sollen.
  • das Angebot der StuPoliH nicht auf nicht-Versicherte beschränkt sein soll.
  • Der Anteil anamnestischer, diagnostischer und therapeutischer Handlungen von Studierenden sich auf das Maß beschränken soll, wie es im Rahmen des „Unterricht am Krankenbett“ in der Klinik etabliert ist.

Die übrige, in der Stellungnahme geäußerte Kritik behält aber eingeschränkt ihre Gültigkeit. Eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe ist nötig!

Ein gemeinsames Ziel

Unsere Kritik hat, gleichermaßen wie die Initiative StuPoliH selbst, das Wohl der potenziellen Patientinnen und Patienten eben dieser StuPoli im Sinn. Dieser Umstand muss anerkannt werden und eint uns mit den Initiatorinnen und Initiatoren der StuPoliH. Unsere Kritik umfasst auch Ansätze zur Verbesserung der bestehenden Konzeption (u.a. Einführung einer achtsamen Organisationstruktur, Evaluation, Einrichtung von Fürsprecher*innen/Interessenvertretungen). Die alternative Darstellung des Projekts durch Frau Goesmann, hat – wie auch in der Stellungnahme eingeräumt – viele unserer Kritikpunkte relativiert. „Trotzdem“ so resümierte eine Stupistin „ist es dann verwunderlich, wie zwei Beschreibungen desselben Projekts so unterschiedlich ausfallen können.“ „Herr Just distanzierte sich daraufhin von Fr. Goesmann und sagte, dass sie nur als Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde der MHH miteingeladen wurde und nicht als Vorsitzende der Ärztekammer Niedersachsen.“ Damit bleiben einzelne in der Stellungnahme vorgebrachte Fragen nach wie vor offen. Mit dieser Feststellung verbunden ist der Wunsch nach und die ausdrückliche Bitte um Antworten.

Keine Deutungshoheit

Die angeblich proklamierte Deutungshoheit beanspruche ich und beanspruchen wir nicht. Wohl aber eine gewisse Beteiligung an Entscheidungen, die die Studierendenschaft betreffen und die Einführung einer studentischen Poliklinik aber auch Lehre fallen darunter! Zu der Wahrnehmung studentischer Partizipation siehe unten. Vor der Annahme, Hochschulen seien ein Ort an dem der Diskurs gesucht und nicht vermieden wird, an dem Kooperation gelebt wird, ist der Verlauf der Diskussion enttäuschend.

Umgang mit Fehlern

Nachdem die Kritik als nicht berechtigt empfunden bzw. dargestellt wurde, einigte man sich darauf, dass die Kommunikation „mau ausgefallen“ sei und Schriftstücke „schlecht formuliert“ seien. Fehler? Kommen an der MHH nicht vor. Fehler aber auch Kritik scheinen als etwas negatives wahrgenommen zu werden und nicht als eine Chance zur Verbesserung. In wie weit die zum Ende des TOP1 festgehaltene Absicht, die Kommunikation in Zukunft zu verbessern umgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Eine Erläuterung zum Projekt StuPoliH über die MHH Kanäle, eine Ergänzung der Aushänge zur Suche von Tutor*innen um die in der Sitzung angesprochenen Punkte blieben bis heute aus. Auch dass sich die StuPoliH bisher nur in der Planung befindet, wurde bisher nicht über die Sitzung hinaus kommuniziert.

Kommunikation allgemein

In dem Umgang mit der Angelegenheit rund um die StuPoliH offenbarte sich ein scheinbar allgemein gültiges Kommunikationsproblem, welches auch gesondert von der Kritik an dem Konzept der StuPoliH zu bearbeiten ist. Im Bezug auf das Projekt StuPoliH wünsche ich mir im Speziellen eine Einbeziehung der Studierendenschaft, Informationen über offizielle Kanäle und eine Projketbeschreibung die zur Auseinandersetzung herangezogen werden kann.

Wert von studentischer Beteiligung

Das Projekt StuPoliH geht auf das Engagement einer Studentin zurück und auch sonst wird die Beteiligung von Studierenden vorgeblich gewünscht. „Vorgeblich“ deshalb, weil die studentische Beteiligung nur dann gewünscht zu sein scheint, wenn sie sich in den etablierten Strukturen und Denkmustern bewegt. Bestätigung wird gern entgegengenommen und als Beispiel für Partizipation angeführt. Kritik und Versuche der Emanzipation werden in der Rückbesinnung auf die eigene, auf hochschulstrukturelle Hierarchie begründete Autorität abgewehrt.

Mitdiskutieren?

Wenn ihr mit Diskutieren wollt, könnt ihr das in dieser Telegram-Gruppe: https://t.me/joinchat/EMLs4xaFqBgMfGDPmNhLNw

Was zuvor geschah, Ausschnitt aus o.g. Mail vom 24. Oktober

Anfang letzter Woche habe ich erstmals über den “Flurfunk” von dem Projekt StuPoliH gehört, welches in der Geriatrievorlesung im 4. Studienjahr und später auch in der Pädiatrievorlesung, ebenfalls 4. Studienjahr, vorgestellt worden sein sollte. Am 16. Oktober wurde in der Telegram Gruppe der KritMeds der Facebook Aufruf zur Suche nach Tutor*innen geteilt und ich habe das Thema daraufhin am Donnerstag nach diversen Einzelgesprächen in die StuPa Sitzung getragen.

Über die mündliche Ankündigung und den Facebook Aufruf, in dem auch ein Wahlfach angekündigt wurde, hinaus, gibt es nur ein StuKo-Protokoll vom 15. Oktober 2018, in dem das Projekt vorgestellt aber nicht diskutiert oder gar beschlossen wurde.

Auf Nachfrage hin, erhielt das StuPa eine Projektbeschreibung (s. Anhang). Die Argumente der Initiatorin habe ich nach einem Telefonat mit derselben in einer Mail an das StuPa-Präsidium zusammengefasst. Ergänzt wird dieses Gedächtnisprotokoll durch schriftliche Äußerungen von der Initiatorin, selber.

Das Medinetz hat ebenfalls Stellung zu der StuPoliH bezogen, diese könnt ihr ebenfalls im Anhang finden.

Vielen Dank für euer ausdauerndes Lesen und viele Grüße

Disclaimer: Bei dem Text handelt es sich um meine persönliche Sicht und Reaktion auf die 1. außerordentliche StuPa-Sitzung der laufenden Legislatur und keine Verlautbarung des StuPas, der IPPNW oder eines anderen Gremiums/einer anderen Gruppe, in dem ich aktiv bin.

/jw