»Prüfung auf Pillen«

Am 26. Februar gipfelte die von den kritischen Mediziner*innen organisierte Veranstaltungsreihe »Prüfung auf Pillen« zum Thema Leistungsdruck in einer Podiumsdiskussion im Wohnzimmer. Unter der Moderation von Naby Berdjas diskutierten Vertreter*innen der universitären Selbstverwaltung, der Psychotherapeutischen Beratungsstelle und der Lehre über Substanzmissbrauch, Leistungsdruck und mögliche Lösungsansätze.

SoRGSAM

Zu Beginn stellte Dr. Afshar die Studie SoRGSAM – Stresserleben und Gesundheitsverhalten im Medizinstudium und in der ärztlichen Weiterbildung vor. Diese wird von der AG Studium & Beruf des Instituts für Allgemeinmedizin und an der MHH durchgeführt. Neben standardisierten Fragen zum arbeitsbezogenem Verhaltens- und Erlebensmuster (AVEM) fanden auch drei Fragen der kritischen Mediziner*innen zum Konsumverhalten leistungssteigernder Substanzen Eingang in den Fragebogen. Auch wenn die Auswertung noch nicht erfolgt ist, konnte Herr Afshar bereits folgende beschreibende Feststellungen teilen:

  •  Mit 28% Rückläufern und einer repräsentativen Geschlechterverteilung unter den Teilnehmenden war die Teilnahme sehr gut
  • 5% der Teilnehmenden haben angegeben leistungssteigernde Substanzen zu nehmen, wobei 3% angeben diese zu konsumieren, um den Anforderungen des Studiums gerecht zu werden. Unter ihnen sind vermehrt Studierende, die durch Nebenjobs und extracurriculäre Aktivitäten mehrfachbelastet sind.
  • Unter denjenigen, die leistungssteigernde Substanzen nehmen, gibt es eine Korrelation zwischen erhöhtem Konsum und den Anforderungen des Studiums bzw. Stress.

Vigilanz- statt Leistungssteigerung

Professor Just, der als Pharmakologe und Toxikologe v.a. die molekular- und zellbiologische Sicht auf das Thema vertrat, konstatierte, dass leistungssteigernde Substanzen nicht genau definiert seien. Eigentlich handele es sich um vigilanzsteigernde Substanzen wie Methamphetamin, Kokain, die – möglicherweise abweichend von dem subjektiven Erleben – die Lernleistung nicht verbessern. Die erwähnten Substanzen führten neben Pulsrasen und Schwitzen v.a. zu Schlaflosigkeit, was ein nachhaltiges Lernen verhindere. Der Konsum vigilanzsteigernder Substanzen gefährde nicht direkt die Patientenversorgung, allerdings erfolgt er häufig aufgrund psychiatrischer Vorerkrankungen in Form einer Selbstmedikation. Da auf die Wirkung häufig eine depressive Verstimmung folgt, könne es zu einer Chronifizierung in Form eines Teufelskreises kommen. Eine Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe würde häufig vermieden werden, um den (uneingeschränkten) Zugang zur privaten Krankenkasse nicht zu gefährden. Herr Paulick, Mitarbeiter der Psychotherapeutischen Beratungsstelle (PTB), erklärte, die PTB biete sehr kurzfristig, im Zweifelsfall noch am selben Tag, Krisenintervention an. Da die Mitarbeitenden der PTB keine Diagnosen stellten und die Inanspruchnahme streng vertraulich gehandhabt werde, könnten sie ein sehr niedrigschwelliges Angebot machen, dass weder Approbation noch Versicherungsoptionen gefährde. Allerdings kämen diejenigen, die leistungssteigernde Substanzen einnehmen nicht zur Beratung, da sie sich mit dem Substanzkonsum selber »therapierten«.

Mehr »downer« als »upper«

Seiner Beobachtung nach, so Paulick weiter, überwiege dabei der Einsatz von »downern« wie Alkohol und THC gegenüber »uppern«, die »pushen«. Sein Verdacht sei es, dass das Konsumverhalten bereits in der Schule eingewöhnt würde, wobei er keinen Unterschied zwischen Mediziner*innen und anderen Studierenden feststellen könnte. Weiterhin stellte er fest, dass es keinen Unterschied zwischen denjenigen, die ihr Abitur nach 13 bzw. nach zwölf Jahren (G8) absolviert haben, gäbe, was zu einem Raunen im Publik führte. Die am häufigsten im Rahmen der psychotherapeutischen Beratung angegebenen Gründe »nicht herunter zu kommen« seien Erschöpfung, Lernstörung, depressive Verstimmung und interpersonelle Schwierigkeiten. Männer würden dabei ihre Probleme häufiger im Bereich Lernen und Arbeiten verorten, während Frauen häufiger mit persönliche Problemen vorstellig würden. Auch die häufig als Erklärung angebotene Bologna-Reform habe nicht zu den von vielen angenommenen negativen Auswirkungen geführt. Zumindest nicht nach den Beobachtungen in der Sozialberatung. Dort sei aufgefallen, dass

  • die Studierenden ihr Studium rascher abschließen
  • diejenigen Studierenden beeinträchtigt sind, die mehrfach belastet u./o. hochintelligent seien. Letztgenannten wünschten sich mehr individuelle Freiheit und es fiele ihnen schwer, einen Stundenplan abzuarbeiten. Gegenüber den Mehrfachbelasteten sollten die bestehenden Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs stärker propagiert werden.

Herr Tschernischek stellte klar, unter den Zahnmedizinstudierenden sei ein Substanzkonsum kein Thema. Die Studierenden seien intellektuell eher unterfordert, während die Konfrontation mit den manuellen Anforderungen des Studiums und ab dem 7. Semester die Abhängigkeit von den Patient*innen zu Problemen führe. Harte Drogen seien im Zahni-Studium kontraproduktiv, da keine präzise Arbeit geleistet werden könne.

»in der Bib wird nicht gedealt«

Marie berichtete aus der studentischen Sicht, es gäbe keinen expliziten Leistungsdruck im Hinblick auf Noten. So würde beispielsweise niemand Seiten aus Büchern der Bibliothek entfernen, damit andere das Thema nicht richtig bearbeiten könnten. Dennoch seien die ersten zwei Jahre zeitlich sehr belastend. Speziell in der Zeit seien die Studierenden auf finanzielle oder organisatorische Kompensation angewiesen. Ihre Antwort auf die Frage nach Substanzgebrauch: »In der Bib wird nicht gedealt«. Trotzdem sei nicht alles super. »Ritalin ist ein Metamphetaminderivat«, führte Prof. Just aus und scherzte, dass Eltern die »Samstags- und Sonntagsdosis« des Ritalins des Kindes mit ADHS »zustünde«, da das Kind eine Wochenendpause von dem »gefährlichen« Medikament bräuchte. Während Ritalin bei Menschen ohne ADHS eine vigilanzsteigernde Wirkung habe, wirkten Stimmungsaufheller nur bei Depressiven. Wer nicht depressiv sei, dem helfe Johanniskraut (besser).

»Im 1. Jahr habe ich wenig Sonne erlebt«

»Im ersten Studienjahr habe ich wenig Sonne erlebt«, erinnerte sich Herr Afshar und beschrieb damit einen den allermeisten Anwesenden bekannten Umstand des Studiums. Der Einschätzung des Allgemeinmediziners zu Folge bestünde kein Stigma, eine Prüfung nicht zu schaffen. Der Leistungsdruck erwachse deshalb nicht aus der Frage, ob man die Klausur besteht oder nicht, sondern aus der Frage, wann man die Prüfung wiederholen könnte. Marie konkretisierte, wie mit einer nicht bestandenen Klausur die Peergroup verloren ginge und es zur Isolation käme. Die Frage, ob es im Zahnmedizin Studium mit den höheren Durchfallquoten anders aussähe, verneinte Professor Tschernischek. Die Quoten würden im Studienverlauf sinken und seien kein Vergleich z.B. in denen zur Veterinärmedizin. Auch Professor Just vermutet v.a. subjektive Gründe für den empfundenen Stress, da die objektive Rahmenbedingungen gut sein und führte ebenfalls andere Studiengänge wie Jura oder Maschinenbau, wo die Nicht-Bestehens-Quote 75% betrage, an. Trotzdem verändere das Studium. Die Absolvent*innen achteten weniger auf gesundheitsbewusstes Verhalten und das verschulte System sorge dafür, dass wir kein Lernmanagement lernten. Mit seiner Forderung nach einem gesundheitsfördernden Campus leitetet der Prof. Just zur dritten Fragen, der nach möglichen Lösungsansetzen über.

Mögliche Lösungsansätze

Gleichzeitig bagatellisierte der Dekan unseren, durch den Leistungsdruck empfundenen Stress als Kollateralschäden. Die Diskussion um das strukturelle Problem würde auch andernorts geführt. Eine – zugegebenermaßen nicht ursachenorientierte – Reaktion darauf sei die Überlegung, in Zukunft neben Empathie auch Resilienz als Zulsassungsvoraussetzung für den Studiengang zu erklären. Herr Paulick merkte an, dass die Mehrfachbelastung auch zu Resilienz führen könnte und wies auf die »Drittel-Regel« hin. Jeden Tag solle man acht Stunden arbeiten, acht Stunden in Freizeit verbringen und acht Stunden schlafen. Im Allgemeinen sei das Perfektionsstreben für die Entstehung von Leistungsdruck relevanter als der Vergleich mit anderen Studierenden. Deshalb empfahl der Sozialberater den eigenen Anspruch entlang der Fragen »Was sein muss?«, »Was sein kann?« und »Was sein darf?« herunterzuregulieren. In den Beratungsgesprächen ginge es häufig darum, eine Distanzierungsfähigkeit herzustellen, die mit einer »Erlaubnis zur Freizeit« einherginge. Stellvertretend für die Studierenden schränkte Marie ein, dass es ist angesichts des zeitlichen Stress gar nicht im Bereich des Denkbaren läge, sich Pausen zu nehmen. Möglicherweise sei das auch einem Mangel an Vorbildern geschuldet. Sie wünsche sich deshalb engere Beziehungen zwischen den Kommiliton*innen und zu den Dozierenden. Dadurch würde auch die Informationsweitergabe verbessert.

Je ausgefüllter der Tag, desto weniger braucht man sich einseitig etwas reinzuhämmern

Herr Paulick betonte ein heterogener Rahmen sei Notwendig. Die heutigen Studienanfänger*innen seien zu jung, um die für das Studium notwendige Persönlichkeit schon mitzubringen. Sie bräuchten Zeit zum (er)leben: je ausgefüllte der Tag sei, desto weniger bräuchte man sich einseitig etwas reinzuhämmern. Mit dem von einer Arbeitsgruppe um Herrn Afshar geplanten Curriculum, sollen Zeit- und Selbstmanagment, Coping- und Resilienz-Seminare, Phasen der Selbstreflexion und Vernetzung innerhalb und zwischen den Jahrgängen Eingang in den Unialltag finden. Herr Afshar selbst merkte dazu an, dass es einen umfassenderen präventiven Rahmen bräuchte, der vielleicht schon in der Schule beginnen müsste, da diejenigen, über die gesprochen wird, bereits betroffen seien. Zum Ende der Diskussion relativierte Professor Just den in dem bis dahin sehr kooperativ geführten Gespräch gewonnen Konsens mit seiner Frage danach, was Druck sei. Prüfungen, durch die man nicht durchfallen könne, seien ja eher eine Motivation und, wir sollten ehrlich mit uns sein, wer würde denn schon ohne Prüfung ordentlich lernen. Seinem Empfinden nach schreite Hannibal pilotmäßig voran. Auch wenn Prof. Justs Frage »was Druck sei« rhetorischer Natur war, bot sein zahnmedizinischer Amtskollege eine Antwort, die wohl so keiner erwartet hat und die scheinbar alle Zustände in der zahnmedizinischen Lehre rechtfertigte: Druck entstünde aus dem in der Zahnmedizin schlechteren Betreuungsschlüssel von Dozierenden zu Studierenden von 1:6 gegenüber dem in der Humanmedizin (1:4). Wirklich unter Druck stünden vor allem die Assistent*innen, die Druck von den Oberärzt*innen, den Patient*innen, den Studierenden und ihren Familien bekämen. Die Studierenden sollten deshalb Verständnis aufbringen, wenn der Ton mal schroffer sei. Professor Tschernischeks offenes Gesprächsangebot an jede*n Zahni wurde durch die Reaktion des Publikums als Farce enttarnt. Trotz allem war es eine gelungene, interessante Veranstaltung, die ein wichtiges Thema in den Blick der Hochschulpolitik gerückt und dabei die entscheidenden Personenkreise nicht ausgespart hat. Den Organisator*innen herzlichen Dank dafür.

/jw